Mikrobiomforschung: Neue Therapieansätze bei chronischen Erkrankungen

Mikrobiomforschung: Neue Therapieansätze bei chronischen Erkrankungen

Die letzten Jahre haben gezeigt: Das menschliche Mikrobiom ist weit mehr als ein passiver Begleiter. Darm- und orale Mikrobiota sind aktiv an immunologischen Prozessen beteiligt – und können damit relevant sein für Entstehung und Verlauf chronisch-entzündlicher Erkrankungen wie rheumatoider Arthritis oder systemischem Lupus erythematodes.

 

Kurz erklärt: Was ist das Mikrobiom?

Das menschliche Mikrobiom umfasst die Gesamtheit der Mikroorganismen, die in enger Wechselwirkung mit dem menschlichen Organismus leben – vor allem im Darm, aber auch auf Haut und Schleimhäuten. Dieses vielschichtige Ökosystem aus Bakterien, Viren und Pilzen steht in permanentem Austausch mit dem Immunsystem. Es beeinflusst Verdauung, Stoffwechsel und Barrierefunktion und trägt zur Aufrechterhaltung immunologischer Toleranz bei. Wird dieses Gleichgewicht – etwa durch Ernährung, Medikamente oder chronische Entzündungsprozesse – gestört, kann dies proinflammatorische Mechanismen aktivieren und zur Entstehung systemischer Erkrankungen beitragen.

 

Dysbiose als klinisch relevantes Puzzleteil

  • RA-Patient:innen zeigen häufig weniger butyratbildende Bakterien und mehr proinflammatorische Spezies (z.  »Prevotella«); Befunde sind populations- und methodenabhängig.
  • Das orale Mikrobiom ist mitbeteiligt: Porphyromonas gingivalis und Aggregatibacter actinomycetemcomitans fördern Prozesse wie Citrullinierung – ein Schritt in der ACPA-Entstehung. Konsequenz: Parodontitis-Screening und zahnärztliche Mitbetreuung in die Versorgung integrieren. Deutschsprachige Einordnung: Springer Medizin/Rheuma Update und Deutsches Ärzteblatt

Ernährung als Mikrobiom-Modulator

Eine ballaststoffreiche, pflanzenbasierte Ernährung fördert das Wachstum butyratbildender Bakterien wie Faecalibacterium prausnitzii und Roseburia spp. und steigert die Produktion kurzkettiger Fettsäuren (SCFA). Diese wirken antiinflammatorisch, stabilisieren die intestinale Barriere und modulieren regulatorische Immunantworten. Gut belegt ist der Nutzen einer mediterranen Kostform mit viel Gemüse, Obst, Vollkorn, Hülsenfrüchten, Nüssen, Olivenöl, Rapsöl und wenig ultraverarbeiteten Produkten. Sie gilt als praxistauglicher, evidenzbasierter Ansatz zur Unterstützung der mikrobiellen und immunologischen Homöostase bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen (Quelle: Deutsche Gesellschaft für Ernährung).

 

Probiotika – gezielter Einsatz statt Routineanwendung

Die Evidenzlage zu Probiotika ist heterogen und stark stammabhängig. Einige klinische Studien zeigen bei Patient:innen mit rheumatoider Arthritis moderate Effekte auf Entzündungsmarker wie CRP oder DAS28, andere dagegen keine signifikanten Unterschiede. Nach aktuellen Einschätzungen sollten Probiotika daher nicht routinemäßig, sondern gezielt eingesetzt werden – etwa bei gastrointestinalen Begleitbeschwerden oder nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung. Unspezifische oder langfristige Einnahmen können laut Deutschem Ärzteblatt sogar die Wiederherstellung der natürlichen Mikrobiota verzögern und sind daher nicht grundsätzlich empfehlenswert (Quelle: Deutsches Ärzteblatt).

 

Medikamente im Blick: PPI/NSAID und die Mikrobiota

Medikamente beeinflussen die mikrobiellen Ökosysteme messbar. Für Protonenpumpeninhibitoren (PPI) ist eine Assoziation mit einem erhöhten Risiko für Clostridioides-difficile-Infektionen beschrieben; deutsche Leitlinien nennen PPI als Risikofaktor für CDI (Quelle: DGVS Deutschen Gesellschaft fürGastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten). Mechanistisch werden u. a. pH-Änderungen und Mikrobiomverschiebungen diskutiert. Empfehlung: Indikation regelmäßig prüfen, niedrigste wirksame Dosis anstreben, Bedarfstherapie erwägen.

Auch NSAID stehen mit Barrierestörung und Dysbiose in Verbindung und tragen zur Enteropathie bei – ein weiterer Grund, Einsatz und Alternativen (lokale Verfahren, COX-2 selektiv) bewusst abzuwägen.

 

Mikrobiota-basierte Therapien: Was heute gilt

Fäkaler Mikrobiomtransfer (FMT) ist in Deutschland klar in der Indikation rezidivierender C. difficile-Infektionen verankert und wird – in spezialisierten Strukturen und unter Beachtung regulatorischer Vorgaben – mit hoher Erfolgsrate berichtet. Für rheumatologische Indikationen existieren derzeit keine Routineempfehlungen außerhalb von Studien (Quelle: Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft).

 

Zusammenarbeit zwischen Hausarztpraxis und RZMH

Gerade im ambulanten Bereich lässt sich das Wissen um das Mikrobiom sinnvoll integrieren. Für Hausärzt*innen hilfreich: Bei persistierender Entzündungsaktivität trotz leitliniengerechter Therapie, gastrointestinalen Begleitbeschwerden oder auffälliger PPI/NSAID-Dauermedikation lohnt es sich, Mikrobiom-relevante Faktoren einzubeziehen. Im Rheumazentrum Mittelhessen bieten wir strukturierte Ernährungsberatung und ein Medikations-Review.

 

Fazit für Zuweiser:innen

Das Mikrobiom ist ein dynamischer, therapeutisch beeinflussbarer Faktor. In der Rheumatologie sind heute drei Hebel praxistauglich: konsequente Parodontitis-Prävention und -Behandlung, mediterran-ballaststoffreiche Ernährung als ergänzende Therapiekomponente sowie ein kritischer, individualisierter Umgang mit PPI und NSAID. Mikrobiota-basierte Arzneitherapien bleiben derzeit Spezialindikationen vorbehalten. Diese Maßnahmen sind einfach umzusetzen, kosteneffizient und unterstützen die Therapieadhärenz ebenso wie das allgemeine Wohlbefinden der Patient*innen. Wir stehen als starker Partner für Co-Management und Patientenberatung zur Verfügung.