{"id":12617,"date":"2026-01-07T08:01:13","date_gmt":"2026-01-07T07:01:13","guid":{"rendered":"https:\/\/rheumazentrum-mittelhessen.de\/?p=12617"},"modified":"2026-03-20T09:08:23","modified_gmt":"2026-03-20T08:08:23","slug":"blog-mikrobiomforschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rheumazentrum-mittelhessen.de\/el_el\/blog-mikrobiomforschung\/","title":{"rendered":"Mikrobiomforschung: Neue Therapieans\u00e4tze bei chronischen Erkrankungen"},"content":{"rendered":"<p>Die letzten Jahre haben gezeigt: Das menschliche Mikrobiom ist weit mehr als ein passiver Begleiter. Darm- und orale Mikrobiota sind aktiv an immunologischen Prozessen beteiligt \u2013 und k\u00f6nnen damit relevant sein f\u00fcr Entstehung und Verlauf chronisch-entz\u00fcndlicher Erkrankungen wie rheumatoider Arthritis oder systemischem Lupus erythematodes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Kurz erkl\u00e4rt: Was ist das Mikrobiom?<\/strong><\/p>\n<p>Das menschliche Mikrobiom umfasst die Gesamtheit der Mikroorganismen, die in enger Wechselwirkung mit dem menschlichen Organismus leben \u2013 vor allem im Darm, aber auch auf Haut und Schleimh\u00e4uten. Dieses vielschichtige \u00d6kosystem aus Bakterien, Viren und Pilzen steht in permanentem Austausch mit dem Immunsystem. Es beeinflusst Verdauung, Stoffwechsel und Barrierefunktion und tr\u00e4gt zur Aufrechterhaltung immunologischer Toleranz bei. Wird dieses Gleichgewicht \u2013 etwa durch Ern\u00e4hrung, Medikamente oder chronische Entz\u00fcndungsprozesse \u2013 gest\u00f6rt, kann dies proinflammatorische Mechanismen aktivieren und zur Entstehung systemischer Erkrankungen beitragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dysbiose als klinisch relevantes Puzzleteil<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>RA-Patient:innen zeigen h\u00e4ufig weniger butyratbildende Bakterien und mehr proinflammatorische Spezies (z.\u202f \u00bbPrevotella\u00ab); Befunde sind populations- und methodenabh\u00e4ngig.<\/li>\n<li>Das orale Mikrobiom ist mitbeteiligt: Porphyromonas gingivalis und Aggregatibacter actinomycetemcomitans f\u00f6rdern Prozesse wie Citrullinierung \u2013 ein Schritt in der ACPA-Entstehung. Konsequenz: Parodontitis-Screening und zahn\u00e4rztliche Mitbetreuung in die Versorgung integrieren. Deutschsprachige Einordnung: Springer Medizin\/Rheuma Update und Deutsches \u00c4rzteblatt<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Ern\u00e4hrung als Mikrobiom-Modulator<\/strong><\/p>\n<p>Eine ballaststoffreiche, pflanzenbasierte Ern\u00e4hrung f\u00f6rdert das Wachstum butyratbildender Bakterien wie <em>Faecalibacterium prausnitzii<\/em> und <em>Roseburia<\/em> spp. und steigert die Produktion kurzkettiger Fetts\u00e4uren (SCFA). Diese wirken antiinflammatorisch, stabilisieren die intestinale Barriere und modulieren regulatorische Immunantworten. <strong>Gut belegt ist der Nutzen einer mediterranen Kostform<\/strong> mit viel Gem\u00fcse, Obst, Vollkorn, H\u00fclsenfr\u00fcchten, N\u00fcssen, Oliven\u00f6l, Raps\u00f6l und wenig ultraverarbeiteten Produkten. Sie gilt als praxistauglicher, evidenzbasierter Ansatz zur Unterst\u00fctzung der mikrobiellen und immunologischen Hom\u00f6ostase bei chronisch-entz\u00fcndlichen Erkrankungen (<a href=\"https:\/\/www.dge.de\/presse\/meldungen\/2021\/ernaehrung-und-mikrobiom\/?utm_source=chatgpt.com\">Quelle: Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Ern\u00e4hrung<\/a>).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Probiotika \u2013\u00a0gezielter Einsatz statt Routineanwendung<\/strong><\/p>\n<p>Die Evidenzlage zu Probiotika ist heterogen und stark stammabh\u00e4ngig. Einige klinische Studien zeigen bei Patient:innen mit rheumatoider Arthritis moderate Effekte auf Entz\u00fcndungsmarker wie CRP oder DAS28, andere dagegen keine signifikanten Unterschiede. Nach aktuellen Einsch\u00e4tzungen sollten Probiotika daher nicht routinem\u00e4\u00dfig, sondern gezielt eingesetzt werden \u2013 etwa bei gastrointestinalen Begleitbeschwerden oder nach individueller Nutzen-Risiko-Abw\u00e4gung. Unspezifische oder langfristige Einnahmen k\u00f6nnen laut Deutschem \u00c4rzteblatt sogar die Wiederherstellung der nat\u00fcrlichen Mikrobiota verz\u00f6gern und sind daher nicht grunds\u00e4tzlich empfehlenswert (<a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/archiv\/probiotika-nicht-immer-von-vorteil-a1a702d4-d2b9-44b8-b9e0-789dd759ee39\">Quelle: Deutsches \u00c4rzteblatt<\/a>).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Medikamente im Blick: PPI\/NSAID und die Mikrobiota<\/strong><\/p>\n<p>Medikamente beeinflussen die mikrobiellen \u00d6kosysteme messbar. F\u00fcr Protonenpumpeninhibitoren (PPI) ist eine Assoziation mit einem erh\u00f6hten Risiko f\u00fcr <em>Clostridioides-difficile<\/em>-Infektionen beschrieben; deutsche Leitlinien nennen PPI als Risikofaktor f\u00fcr CDI (<a href=\"https:\/\/register.awmf.org\/assets\/guidelines\/021-024l_S2k_Gastrointestinale_Infektionen_2023-11_1.pdf\">Quelle: DGVS Deutschen Gesellschaft f\u00fcrGastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten<\/a>). Mechanistisch werden u. a. pH-\u00c4nderungen und Mikrobiomverschiebungen diskutiert. Empfehlung: Indikation regelm\u00e4\u00dfig pr\u00fcfen, niedrigste wirksame Dosis anstreben, Bedarfstherapie erw\u00e4gen.<\/p>\n<p>Auch NSAID stehen mit Barrierest\u00f6rung und Dysbiose in Verbindung und tragen zur Enteropathie bei \u2013 ein weiterer Grund, Einsatz und Alternativen (lokale Verfahren, COX-2 selektiv) bewusst abzuw\u00e4gen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mikrobiota-basierte Therapien: Was heute gilt<\/strong><\/p>\n<p>F\u00e4kaler Mikrobiomtransfer (FMT) ist in Deutschland klar in der Indikation rezidivierender <em>C. difficile<\/em>-Infektionen verankert und wird \u2013 in spezialisierten Strukturen und unter Beachtung regulatorischer Vorgaben \u2013 mit hoher Erfolgsrate berichtet. F\u00fcr rheumatologische Indikationen existieren derzeit keine Routineempfehlungen au\u00dferhalb von Studien (<a href=\"https:\/\/www.akdae.de\/arzneimitteltherapie\/arzneiverordnung-in-der-praxis\/ausgaben-archiv\/ausgaben-ab-2015\/ausgabe\/artikel?cHash=358e9f8fd142d790619544f6de1afc0c&amp;tx_lnsissuearchive_issueshow%5Baction%5D=show&amp;tx_lnsissuearchive_issueshow%5Barticle%5D=4440&amp;tx_lnsissuearchive_issueshow%5Bcontroller%5D=Article&amp;tx_lnsissuearchive_issueshow%5Bissue%5D=9&amp;utm_source=chatgpt.com\">Quelle: Arzneimittelkommission der deutschen \u00c4rzteschaft<\/a>).<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Zusammenarbeit zwischen Hausarztpraxis und RZMH<\/strong><\/p>\n<p>Gerade im ambulanten Bereich l\u00e4sst sich das Wissen um das Mikrobiom sinnvoll integrieren. F\u00fcr Haus\u00e4rzt*innen hilfreich: Bei persistierender Entz\u00fcndungsaktivit\u00e4t trotz leitliniengerechter Therapie, gastrointestinalen Begleitbeschwerden oder auff\u00e4lliger PPI\/NSAID-Dauermedikation lohnt es sich, Mikrobiom-relevante Faktoren einzubeziehen. Im Rheumazentrum Mittelhessen bieten wir strukturierte Ern\u00e4hrungsberatung und ein Medikations-Review.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Fazit f\u00fcr Zuweiser:innen<\/strong><\/p>\n<p>Das Mikrobiom ist ein dynamischer, therapeutisch beeinflussbarer Faktor. In der Rheumatologie sind heute drei Hebel praxistauglich: konsequente Parodontitis-Pr\u00e4vention und -Behandlung, mediterran-ballaststoffreiche Ern\u00e4hrung als erg\u00e4nzende Therapiekomponente sowie ein kritischer, individualisierter Umgang mit PPI und NSAID. Mikrobiota-basierte Arzneitherapien bleiben derzeit Spezialindikationen vorbehalten. Diese Ma\u00dfnahmen sind einfach umzusetzen, kosteneffizient und unterst\u00fctzen die Therapieadh\u00e4renz ebenso wie das allgemeine Wohlbefinden der Patient*innen. Wir stehen als starker Partner f\u00fcr Co-Management und Patientenberatung zur Verf\u00fcgung.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das menschliche Mikrobiom ist weit mehr als ein passiver Begleiter. 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